Ein Zeugnis voller Einsen

Von Alfried Hopfgartner, Schulpfarrer am Gymnasium auf der Karthause in Koblenz

Von Alfried Hopfgartner
Schulpfarrer am Gymnasium auf der Karthause, Koblenz

Für Kinder, Eltern und Schulen war es ein sorgenvolles und durch Corona sehr belastetes Halbjahr. Besonders die Schulanfänger und unsere „Fünfer“ hatten wenig Möglichkeit sicher und angemessen in den neuen Schulen und Klassen anzukommen und heimisch zu werden. Bildung und ein guter Schulabschluss sind aber nun einmal entscheidend für die Zukunft der Kinder. Die Sorgen und Ängste der Eltern um die Bildung und die Gesundheit ihrer Kinder trugen die Schüler dabei oft, ohne dies genau zu verstehen, in ihrer Seele mit. Trotzdem gibt es nächsten Freitag, fast zu unangefochten und fast zu selbstverständlich, Zeugnisse. Jetzt gibt es Noten. Jetzt wird sortiert. Ohne Frage sind die Schulen auch der verlängerte Arm unserer Leistungsgesellschaft. Manche Menschen stellen sich nicht nur die Schule, sondern auch Gott nur so vor. Ich werde beurteilt, belehrt, belohnt oder bestraft, und muss mich unterordnen. Das Gegenteil aber ist der Fall. In meiner fünften Klasse ging es in einer meiner letzten Präsensstunden um die Taufe. „Die Taufe ist wie ein Zeugnis voller Einsen, aber von Gott“, sagte eines der Kinder. Das geht in die richtige Richtung!

Deshalb wird ja bei jeder Taufe das  Kinderevangelium Jesu (Mk.10) gelesen: Lasst die Kinder zu mir kommen, denn ihnen gehört das Himmelreich. Vor jedem Schulabschluss, vor jeder Lebensleistung, vor jedem Erfolg ist jeder von uns  bereits freundlichst von Gott begrüßt, angenommen und wertgeschätzt. Das Himmelreich muss und kann sich keiner verdienen. Und umgekehrt: Mit jeder schlechten Note, mit jedem Misserfolg und jeder Schuld bleiben wir von Gott angenommen und  wertgeschätzt. So verstehe ich die Gnade Gottes. Sie ist das Großzügige, Gelassene und Freundliche an Gott, welches mich persönlich immer wieder dankbar zu ihm bringt. Und es motiviert mich auch immer wieder großzügig und freundlich zu meinen Schülern und auch zu mir selbst zu sein. Und unsere Schulen? So großzügig wie Gott können sie natürlich nicht sein. Aber es wird nicht nur gefordert, sondern auch gefördert. Ziel ist es, die Lebenschancen der Kinder zu verbessern und ihre persönliche Entwicklung voranzubringen. Den meisten Lehrern und Lehrerinnen, denen ich begegne, merke ich an, dass dies auch wirklich ihr Ziel ist. Und ihr Einsatz gerade in dieser Zeit überzeugt mich sehr. Ich wünsche den Kindern und Familien Gottes Segen: Gesundheit, Zuversicht und Ausdauer auch für das nächste Halbjahr. Uns allen aber die Gewissheit, dass Gott uns wertschätzt, ohne Leistungsdruck, ohne Belehrung, ohne Bestrafung oder Belohnung. Einfach so, ganz und gar, wie er es in der Taufe versprochen hat. Das motiviert Gottes Nähe aufzusuchen. Das motiviert, gerade auch in diesen ernsten Tagen, Einschränkungen gerne anzunehmen, die die Gesundheit und das Leben unserer Mitmenschen und unserer Kinder schützen.