Zweifel und Glauben sind Geschwister

7. Sonntag nach Trinitatis

Von Pfarrer Sven Dreiser, Rieden
 

Martin ist 35, von Beruf Krankenpfleger und kommt aus einer Familie ohne Religion. Wir treffen uns zu einem Gespräch. „Ich kann nicht an einen Gott glauben, der so viel Leid zulässt. Der nicht sofort eingreift, wenn Kindern Gewalt angetan wird. Der Krieg und Klimawandel nicht verhindert. Ihr in der Kirche sprecht immer von einem Gott, der Liebe ist. Warum versteckt er sich dann vor mir?“

Kurze Pause und dann erzählt er weiter: „Gestern war ich bei einem Mann, 80 Jahre alt. Er erzählte mir von seinem Leben und seinem Glauben. Wie ihn die Jugendarbeit geprägt hat. So gerne hätte er Theologie studiert, aber dafür hatten seine Eltern kein Geld. So wurde er Steinmetz und hat gerne am Kölner Dom gearbeitet. Immer wenn er an einem der beiden gewaltigen Domspitzen zu tun hatte, fühlte er sich Gott besonders nahe.

Martin erzählt weiter: „Für mich aber ist Gott weit weg. Zu viele Fragen und Zweifel. Ich spüre, dass es tief in mir eine Sehnsucht gibt. Da muss es doch noch mehr geben. Aber mir fehlt der Mut, mich auf einen fremden Gott und Glauben einzulassen.“

Martin ist erleichtert, dass er sich das von der Seele reden konnte. Seine Worte klingen in mir nach. Wo gibt es denn heute noch Menschen, die keine Zweifel kennen? Die in Unordnung geratene Welt macht es uns doch ziemlich leicht, ohne Gott zu leben. Aber da gibt es auch diese andere Stimme in mir: Gott hat Zweifel zugelassen. Weil das für ihn ehrlicher ist als ein bloß geheuchelter Glauben. Wer zweifelt, ist offen für Antworten.

Ich teile meine Gedanken mit Martin, der aufmerksam zuhört. Seitdem sehe ich ihn immer mal wieder im Gottesdienst. Ich bin mir sicher: Er wird seinen eigenen Weg mit Gott finden. Denn Zweifel und Glauben sind wie Geschwister in uns.

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