„Work -Life-Balance“ oder: „Arbeit und Weisheit“

Sexagesimae

Von Pfarrerin Nannette Fengler
Ev. Seelsorge JVA Koblenz + Klinik Nette-Gut

In diesen Tagen ist viel die Rede davon, dass wir wieder mehr arbeiten müssen, wenn wir den Wohlstand in unserem Land erhalten wollen. Der Kanzler möchte, dass diejenigen, die in Teilzeit arbeiten, demnächst mehr arbeiten, ausser wenn sie für Andere sorgen. Nun könnte man viel darüber reden, dass sowieso schon viele Mütter, die neben der bezahlten Arbeit noch die Kinder betreuen, in der Teilzeitfalle stecken und erst im Alter merken, dass sie dadurch zu wenig Rente erhalten. Es ist aber eine persönliche Entscheidung von jedem und jeder Einzelnen, wieviel und was er oder sie arbeiten möchte.  Wie ich mein Leben gestalte, ob ich weniger arbeite, weil ich in meiner begrenzten Lebenszeit noch etwas anderes tun möchte, das kann die Politik  nur in einem begrenzten Rahmen bestimmen. Ich erinnere mich, dass mein Vater morgens früh aus dem Haus ging und oft erst wiederkam, wenn ich als Kind  abends schon im Bett lag. Was für ein Gewinn, dass Familien heute  mehr Zeit füreinander haben.

In der Bibel wird Arbeit überwiegend als etwas positives gesehen. Die Arbeit gibt dem Menschen Sinn, ohne Arbeit würde die Gesellschaft nicht funktionieren. Es gibt aber auch Stimmen, die mahnen, dass es für den Menschen mehr gibt als Arbeit. So weist Jesus Sirach darauf hin, dass man für Weisheit und Erkenntnis freie Zeit und Ruhe benötigt. Er schreibt: “Wer Weisheit lernt, braucht viel Zeit, und nur wer sonst nichts zu tun hat, wird Weisheit gewinnen“ (Sirach 38,25ff). Jesus Sirach sieht, wie beschäftigt die Bauern und Handwerker sind. Ihre Arbeit ist wichtig für das Leben, aber sie haben keine Zeit für Weisheit, um auf Gott zu hören oder den Sinn des Lebens für sich zu finden. Arbeit ist notwendig und gottgewollt, aber sie darf den Menschen nicht ganz vereinnahmen. Wahre Weisheit wächst dort, wo Arbeit und Besinnung sich ergänzen.

 

Zurück