"Wenn fünf Gerechte genügen ..."

14. Sonntag nach Trinitatis

Von Pfarrerin Anja Sens-Thalau
Evangelische Klinikseelsorge Koblenz

 

Es ist eine der kühnsten Szenen der Bibel: Abraham verhandelt mit Gott. Nicht ehrfürchtig schweigend, sondern tastend, ringend, beinahe hartnäckig. Es geht um nichts weniger als das Schicksal einer Stadt. „Vielleicht gibt es fünfzig Gerechte… vierzig… dreißig… zwanzig… zehn?“ Immer weiter senkt Abraham die Zahl. Und immer wieder lässt Gott sich darauf ein. Diese alte Geschichte aus dem ersten Buch Mose wirkt erstaunlich aktuell. Denn sie stellt eine Frage, die uns heute nicht weniger bewegt: Was hält eine Gemeinschaft zusammen? Was bewahrt eine Stadt, ein Land, vielleicht sogar unsere Welt vor dem Auseinanderbrechen?

 

Die Antwort der Erzählung ist ebenso schlicht wie herausfordernd: Es sind nicht die vielen, nicht die Lauten, nicht die Mächtigen. Es sind die Gerechten. Und am Ende steht die beinahe provozierende Zuspitzung: Schon wenige könnten genügen. Fünf Gerechte. Oder zehn. Menschen, die nicht wegsehen, wenn Unrecht geschieht. Die nicht aufhören zu hoffen, auch wenn vieles hoffnungslos erscheint. Die sich nicht vom Zynismus anstecken lassen. Die beten. Die handeln. Die ihre Menschlichkeit bewahren, gerade dort wo Leben zerbrechlich wird, überall dort begegnen wir solchen „Gerechten“. Oft sind sie unscheinbar: eine Pflegekraft, die sich Zeit nimmt; ein Angehöriger, der aushält; ein Wort, das tröstet, obwohl es keine schnellen Antworten gibt, ein Mensch der ein anderes Lebewesen schützt. Kleine Gesten – und doch von großer Tragweite. Die biblische Erzählung lädt dazu ein, die Perspektive zu wechseln. Nicht zu fragen: „Was geht alles schief?“ sondern: „Wo sind die, die das Gute bewahren ... bewirken?“

 

Vielleicht ist die Welt weniger verloren, als wir manchmal denken. Und vielleicht beginnt Veränderung nicht im Großen, sondern genau dort, wo ein Mensch sich entscheidet, gerecht zu handeln – heute, hier, im Kleinen. Abraham hört irgendwann auf zu fragen. Die Geschichte bleibt offen.

 

Aber die Frage bleibt bei uns: Könnten fünf Gerechte genügen? Oder anders: Bin ich einer von ihnen?

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