Hamburger Bahnhof - Nationalgalerie der Gegenwart
9. Sonntag nach Trinitatis
Denn die Künstlerin hat die gigantische Bahnhofshalle mit 400.000 grob gesägten Holzwürfeln gefüllt.
Und alle, die kommen, sind eingeladen, etwas daraus zu machen.
Natürlich: Wer unter Kunst das Werk eines/einer Künstler*in versteht, die ein Werk schafft, das mehr oder weniger genialer Ausdruck der Arbeit dieser Person ist und im Übrigen nicht veränderbar, wird sich verärgert abwenden.
Alle anderen aber haben Spaß.
Schlicht und ergreifend Spaß.
Denn jede*r darf bauen, was und wie er/sie will.
Türme, Treppen, eine Burg, oder phantastische Skulpturen - alles ist erlaubt.
Unterlegt wird das Ganze mit gesungenen literarischen Texten und an manchen Tagen gibt es sogar ein Livekonzert.
Und das Ganze funktioniert.
Selten habe ich in einem Museums soviel Menschen - große und auch kleine - gesehen, die soviel Spaß hatten und zugleich ernst und kreativ arbeiteten.
Die Frage, was Kunst ist oder nicht möchte ich hier nicht erschöpfend behandeln.
Da verweise ich gerne auf Andy Warhol, der auf die Frage, ob seine Werke denn Kunst seien, mit dem Satz antwortete: „Natürlich. Geld verdienen ist auch Kunst“. Und eine Künstlerin wie Yoko Ono arbeitet schon seit einem Dreiviertel Jahrhundert an interaktiver Kunst bei der sie als Künstlerin Ideen und Materialien vorgibt und dann abwartet, was passiert.
Unabhängig von dieser Frage ist mir aber etwas Anderes klar geworden:
Da sind Menschen, die machen einfach.
Motiviert allein durch das Tun und durch den Spaß, den das Tun macht.
Und alle machen mit und bisweilen entsteht durch die gemeinsame Arbeit aller ein Meisterwerk.
Und wenn nicht, hat es trotzdem Spaß gemacht.
Und: Die Menschen helfen einander.
Der Gedanke, der vielleicht einige ängstliche Zeitgenoss*innen beschleichen mag - dass man diese Klötze eben auch dazu nutzen kann, sie einander an den Kopf zu werfen - ist vollkommen absurd wenn man die Installation einen Moment auf sich wirken gelassen hat.
Ungefähr so möchte ich mir Gemeinde vorstellen: Nicht als einen Ort, an dem einige wenige sagen, was Sache ist und was Menschen zu tun und zu glauben haben.
Nicht als Ort, an dem mehr oder weniger spaßbefreiter Zwang herrscht, sondern als Ort, an dem jede*r etwas kann, etwas einbringt, sich einbringt, mitdenken, mitreden, mit gestalten darf und in diesem Tun ernst genommen wird.
Vielleicht wäre folgende Denke ein guter Start für den Aufbau der Gemeinde: „Du kannst das weil ich Dir vertraue. Und ich vertraue Dir, weil Du das kannst.“
So jedenfalls habe ich Jesus verstanden.
