Fußball 2026
3. Sonntag nach Trinitatis
„Sechs Minuten noch im Wankdorf-Stadion in Bern, keiner wankt, der Regen prasselt unaufhörlich hernieder, es ist schwer, aber die Zuschauer, sie harren nicht aus. Wie könnten sie auch – eine Fußball-Weltmeisterschaft ist alle vier Jahre und wann sieht man ein solches Endspiel, so ausgeglichen, so packend. Jetzt Deutschland am linken Flügel durch Schäfer. Schäfers Zuspiel zu Morlock wird von den Ungarn abgewehrt – und Bozsik, immer wieder Bozsik, der rechte Läufer der Ungarn am Ball. Er hat den Ball – verloren diesmal, gegen Schäfer. Schäfer nach innen geflankt. Kopfball – abgewehrt. Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen – Rahn schießt – Tooooor! Tooooor! Tooooor! Tooooor!“
Worte, die Sie, liebe Leser, sicher alle kennen und die Sie vielleicht sogar am Radio mitverfolgt haben.
Damals… Vor 66 Jahren…
Als das „Wunder von Bern“ stattfand, und als der unvergessene und viel zu früh bei einem Verkehrsunfall verstorbene Reporter Herbert Zimmermann mit diesen Worten einer ganzen Nation so etwas wie Nationalgefühl und Nationalstolz zurückgegeben hat.
Lange ist es her… „1954“ – das klingt in manchen Ohren wie ein Datum aus einer anderen und vielleicht besseren Welt.
Und doch ist es dasselbe Spiel, das auch heute noch die Massen begeistert und das heute noch dazu führt, dass für viele Menschen eine Fußball-WM ein Zeichen für eine friedliche Begegnung über Länder, Kontinente, Grenzen ist.
Zumindest dann, wenn man es zulässt und es schafft, die unheilige Allianz aus Infantino und Trump zu ignorieren – denn immerhin: Wenn man denn in einer Fanmile zusammensteht oder in einer Kneipe feiert, sollte das kein Problem darstellen.
Ob dies sinnvoll und richtig ist oder „nur“ eine Form von Eskapismus – darüber kann man geteilter Meinung sein.
Nicht streiten kann man aber meiner Meinung darüber, dass Fußball zu den wenigen Dingen gehört, die so richtig begeistern können.
Man kann voll mitgehen, man kann mit anderen feiern, man kann sogar – ich rede aus eigener Erfahrung – mit zwei Vuvuzelas in Melsbach südafrikanische Begeisterung zum Ausdruck bringen.
Und keiner, der sich beschwert hätte.
Vielleicht, so denke ich, vielleicht war es ein wenig ähnlich.
Damals.
An Pfingsten.
In Jerusalem.
Menschen, die aus aller Herren Ländern zusammengekommen waren.
Menschen, die feiern wollten.
Nicht „ihre Mannschaft“ – wohl aber ihren Gott.
Und das in vielen Sprachen und auf viele Weisen.
Und dann geschah es: Da, wo Menschen einander nicht verstehen konnten, da, wo Menschen vieler Sprachen und aus unterschiedlichen Ländern zusammengekommen waren, da war plötzlich Verständigung.
Da war gemeinsame Sprache.
Gemeinsames Gotteslob.
Ein Miteinander, wie es die Welt noch nie gesehen hatte.
Der Glaube an Gott: Er vereint, er schafft Verständigung, er schafft Gemeinschaft, er schafft Be-Geisterung im gemeinsamen Tun.
Es mag sein, dass das heute sehr vollmundig klingt.
Und wahrscheinlich ist es so, dass es in jedem Fußballstadion mehr an (lauter) Begeisterung gibt als in einer Kirche.
Und dass man sich durchaus fremd fühlt, wenn man z.B. in einen Gottesdienst anderer Sprachen, andere Kulturen geht geht, das habe ich selbst mehr als einmal erlebt.
Doch irgendwann ist da Verständnis.
Ist da Begeisterung.
Denn Gott will be-geistern: Laut und auch leise, ermutigend und tröstend – aber immer so, dass er uns seinen Geist gibt, damit wir als Christ*innen in dieser Welt leben können.
In diesem Sinne: Lassen wir uns einfach neu begeistern.
Eine Fußball-WM ist gewiss nicht die schlechteste Zeit dafür.
Vielleicht noch einmal ein „Sommermärchen“ feiern?
Mit herzlichem Gruß
Ihr Pfarrer Heiko Ehrhardt
