Es geht auch anders

Invocavit

von Alfried Hopfgartner
Evangelischer Schulpfarrer am Gymnasium auf der Karthause



Obwohl ich nur alle paar Jahre am Karneval teilnehme finde ich er bringt so manches gute, inspirirende und nachdenkenswerte in unsere Gesellschaft. Wir sind für die wirkliche Welt gemacht,  so verstehe ich die Schöpfungsgeschichte. Deshalb finde ich es gut, dass in den Vereinen jung und alt zusammenkommen, musizieren, tanzen und singen lernen. Die Kostüme und der Mottowagen werden selbst gemacht und gebaut. Bleiben viele Kinder und Jugendlichen zu ihrem Schaden oft der virtuellen Welt überlassen und ausgeliefert, lernen und erleben sie hier wie bereichernd die wirkliche Welt und echte Menschen sein können. Inspirierend finde ich als Protestant den Beginn des Karnevals: Narren und Närrinnen stürmen in diesen Tagen unsere Rathäuser und führen symbolisch das Regiment über die Stadt. Die Mächtigen werden entmachtet, nichts muss so bleiben wie es ist. Beherrschen  lassen wir uns oft viel zu sehr. Es sind die Selbstverständlichkeiten des Alltags, das Diktat der Leistung und der Arbeit, soziale und religiöse Vorurteile und manchmal die Kapitulation der Moral vor Wirtschaft und politischer Macht. Aber nichts muss so bleiben wie es ist. Deshalb redet auch Jesus davon wenn er über das Reich Gottes predigt. Das Diktat der Leistung wird gestrichen. Zu Gott gehören wir mit unseren Schwächen und Defiziten. Da wo Menschen sich Gott öffnen verlieren soziale und religiöse Vorurteile an Boden. Zum Nachdenken bringt mich dieses jahr ein Mottowagen. Hier schlägt Trump mit voller Wucht Jesus der hier für Liebe und Menschlichkeit steht in das Gesicht. Gemeint sind hier die auch tödliche gewalt gegen legale und illegale Einwanderer durch ICE. Dies erinnert mich an die Schläge denen Jesus selbst ausgesetzt war und auch an seine Worte in Mth. 25 : Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan. Mit jedem Menschen den ihr so behandelt, behandelt ihr mich selbst so. Jeder Mensch ist Gottes Geschöpf, der Fremde ist unser Nächster. Moral und Ethik gründen in der Menschenliebe  Gottes. Sie ordnet sich nicht der politischen und wirtschaftlichen Macht  unter. Im Gegenteil, sie fordert eine am Menschen ausgerichtete Wirtschaft und eine Politik die dem Menschlichen dient.  Zwar stürmte Jesus kein Rathaus, aber mit seiner Botschaft der Gottesliebe und Menschenliebe macht er Ernst. Und er ruft uns so auf Freiheit im Denken und Handeln zu wagen. Wer sagt, dass Armut und soziale Ungerechtigkeit nie zu überwinden sind? Wer sagt, dass die Asylbewerber und Zuwanderer die Ursache aller Probleme und Ängste in Deutschland sind?  Wer sagt, dass KI und soziale Netzwerke und virtuelle Welten unser Leben und Denken dominieren  müssen? Jedenfalls nicht der Mensch welcher sich von Gott geliebt weiß und im Mitmenschen nicht allein den Konkurrenten und Fremden sieht. Nichts muss so bleiben wie es ist. Dies macht unser Leben menschlicher, schöner und reicher. Es geht eben, auch nach dem Karneval,  auch anders.

 

Zurück