Empfindliche Gleichgewichte

Von Herrn Superintendent Pfarrer Rolf Stahl

Als „Wende“ bezeichnen wir den Zeitraum zwischen 1989 und 1990. Vieles hat sich damals verändert. Aus zwei deutschen Staaten ist einer geworden. Eine friedliche Revolution ging voraus. Es war ein hoffnungsvoller Anfang für die Veränderung unserer Welt. Weltweit wurden und werden wir um diesen Lauf der Geschichte beneidet. In dieser Wendezeit drehten zwei Brüder einen Film. Sie erhielten dafür den Deutschen Filmpreis und ein Jahr später sogar einen Oscar in der Kategorie „bester animierter Kurzfilm". Er ist nur sieben Minuten lang. Fünf menschliche Figuren stehen auf einer quadratischen Platte. Sie schwebt frei im Raum. Die Fünf verteilen sich gleichmäßig von der Mitte aus an die Ränder. Sie werfen jeweils eine Angel aus. Eine fängt eine Kiste und zieht sie auf die Platte. Die anderen rücken zusammen und bilden ein Gegengewicht. Nacheinander entdecken sie den geborgenen Schatz. Die Kiste lässt sich aufziehen wie eine Spieluhr. Leise Musik klingt aus ihr. Das macht sie begehrlich. Das Gleichgewicht gerät ins Wanken. „Balance“ ist der Titel des Kurzfilms. Sie geht am Ende verloren. Drei Figuren können sich nicht mehr halten. Sie stürzen in den Abgrund. Bei der Vierten hilft die Fünfte nach. Sie bleibt allein zurück mit der Kiste, ohne etwas von ihr zu haben. Der animierte Kurzfilm hat es in sich. Er ist nicht nur Zeitzeuge für die Jahre der Wende. Er ist auch Spiegel für uns im Aktuellen, weltweit und ganz nah bei uns. Balance geht verloren. Gleichgewichte werden aufs Spiel gesetzt, leichtsinnig, habgierig, absichtlich, unnötig. Das müsste nicht sein. Balancieren ist eine Kunst, die man spielerisch lernen und üben kann. Es ist nie zu spät, damit anzufangen. Es macht trittsicher für Wege des Friedens.

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