Donnerstag, zehn Uhr

Jubilate

Von Pfarrer i. R. Sven Dreiser
evanglisch Rieden

Jeden Donnerstag um zehn Uhr sitzt Rolf (75) im Wartezimmer der Onkologie. Er hat keinen Termin und ist auch nicht krank. Aber das Schweigen in diesem Wartezimmer beschäftigt ihn.

Heute sitzt neben ihm eine junge Frau, kaum dreißig, einen rosa Zettel in ihrer Hand. Ihre Finger zittern. Rolf spricht sie leise an: „Zum ersten Mal hier?“ Sie nickt und flüstert: „Sie sagen, es ist Stadium drei.“ Stille. Irgendwann sagt Rolf: „Meine Frau war auch hier. Und nach einiger Zeit tanzte sie schon wieder im Wohnzimmer mit den Enkeln.“ Die junge Frau lächelt nicht. Die beiden schweigen. Manchmal braucht Hoffnung keine Worte. Rolf ist kein Arzt, kein Seelsorger. Er war Handwerker, sein Leben lang. Er hat gelernt, dass man nicht alles reparieren kann.

Seine Frau hat damals nach der Diagnose noch 15 Monate gelebt. Er hat sie oft in dieses Wartezimmer begleitet. Und hat selbst unter dem bedrückenden Schweigen gelitten. Nach dem Tod seiner Frau gibt er sich ein Versprechen: „Ich werde jeden Donnerstag um zehn Uhr in dieses „Schweigezimmer“ kommen und mich neben einen leeren Stuhl setzen. Warten. Einfach da sein. Ich habe keine großen Worte. Nur leise, tröstende Geschichten und Hände, die einen anderen Menschen halten können.“

Eine Woche später fragt ihn ein Mann in seinem Alter: „Warum kommen Sie?“ Und Rolf antwortet: „Weil ich damals nicht untergegangen bin. Weil ein Mensch neben mir war, der mir einfach zugehört hat und der mir Mut geschenkt hat, nicht zu verzweifeln.“

Es ist wieder Donnerstag, zehn Uhr, Onkologie und ein leerer Stuhl. Und Rolf, der sich auf den freien Stuhl daneben setzt. Er ist wieder da, für die Traurigen und Mutlosen. Vielleicht braucht die Welt nicht mehr Antworten auf die vielen Fragen, sondern mehr Stühle, auf denen jemand einfach bei mir bleibt.

 

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