Zum Jahresgedächtnis der Flut im Kreis Ahrweiler

An der Ahr gibt es eine Zeit „Davor“ und eine Zeit „Danach“: Eine Zeit vor dem 14./15. Juli 2021 und eine Zeit danach. Es gab ein Leben vor der Flut und es gibt die Frage nach dem Leben nach der Flut. In wenigen Wochen jährt sich die Katastrophe, die die Existenz einer ganzen Region infrage gestellt hat, die so viele Leben gekostet hat, die Landschaften, Träume, Hoffnungen für immer verändert – wenn nicht zerstört hat.

Wo stehen die Menschen, die Dörfer und Städte jetzt? Was treibt sie um? Wo sehen sie ihre Zukunft? Die Fragen lassen sich nicht einfach und schnell beantworten, denn so individuell wie die Schicksale sind, so individuell sind auch die Gefühle und Gedanken. Manche Familien konnten schon in ihre Häuser zurückziehen, nachdem sie monatelang irgendwo anders lebten – zum Teil getrennt voneinander. Sie lächeln, strahlen, planen ihre Gärten und freuen sich über das Geräusch zuschnappender Schubladen ihrer neuen Küche, die sie staunend betrachten – nicht glauben könnend, dass sie wirklich steht und funktionstüchtig ist. Aber: Dürfen sie ihre Freude darüber offen zeigen? Oder müssen sie ein schlechtes Gewissen haben? Ein schlechtes Gewissen gegenüber ihrem Nachbarn in derselben Straße, der noch lange nicht so weit ist: das Haus ist noch immer nicht abschließend begutachtet, es gibt zu wenig Handwerker, die zeitnah arbeiten können. Verhalten, um die tatsächliche Resignation nicht gar zu deutlich zu zeigen, erzählen diese Menschen von ihren Ängsten, dass Finanzen nicht reichen werden. Und wiederum zwei Straßen weiter haben gerade noch einmal zwei Familien erfahren, dass ihre Häuser doch abgerissen werden müssen. Wo wird ihr neues Zuhause stehen? Werden sie Bauland finden? Müssen (oder wollen) sie wegziehen? Es ist ein verwirrendes Gemisch der Gefühle, das ganze Orte vor Zerreißproben stellt. Gar nicht beschreiben kann ich das Leid derer, die das Wichtigste in ihrem Leben verloren haben, das sie hatten: Die Menschen, die sie liebten. Während den einen wenigstens die Hoffnung auf eine Zukunft bleibt, haben jene wohl noch lange Zeit nur den Schmerz an ihrer Seite und die grausame Frage in ihrem Kopf, wie ihre Freund*innen oder Familienmitglieder gestorben sind. Oder sie haben letzte Augenblicke und Worte im Herzen, die sie nicht loslassen und ihnen den Schlaf rauben.

Sie fragen, an welchem Punkt der Aufarbeitung wir gerade sind? Wir sind schon unglaublich weit gekommen und doch noch ganz am Anfang.

Als Pfarrerin der ev. Kirchengemeinde Adenau war ich in jener Nacht in dem kleinen Ort Schuld, der durch das Fernsehen so bekannt wurde. Wenn ich die tosende Ahr nicht mit eigenen Augen gesehen, ihre Wucht gehört und den Gestank von Gas und Öl gerochen hätte, ich hätte es nicht glauben können. Bilder (vor allem von den Tagen NACH der Flutnacht), die ich mein Leben lang nicht vergessen werde. Als evangelische Kirche waren wir vom ersten Moment an vor Ort und wir werden es weiter sein. Ich durfte IHRE Spenden verteilen und damit ganz konkrete Hoffnung schenken, Hoffnung, dass es irgendwie weitergeht… wie auch immer.

Autorin: Claudia Rössling-Marenbach, Evangelische Kirchengemeinde Adenau. Fotos mit freundlicher Genehmigung der Autorin.

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