Klinikseelsorge in Pandemie-Zeiten

Von Pfarrer Martin Pietsch, evangelischer Klinikseelsorger am Kemperhof und im Marienhof

Als Klinikseelsorger zählt es zu meinen Aufgaben, Patienten zu besuchen – dazu gehören auch die mit dem Corona-Virus Infizierten und die an COVID19 erkrankten Menschen. Grundsätzlich reagiere ich auf ein Signal, einen Besuchswunsch ihrerseits, was eher vorkommt. Gelegentlich weisen mich Mitarbeitende aus dem ärztlichen und pflegerischen Personal auf Patienten hin, denen ein Gespräch guttun könnte oder bitten mich um Sterbebeistand bei Menschen, deren Angehörige sich nicht auf den Weg machen können oder dürfen.

Vor einem Besuch lege ich mir die vorgesehene Schutzkleidung an, ich muss mich selber schützen und verhindern, das Virus weiter im Haus zu verbreiten. Gegenüber Schwestern und Pflegern auf den COVID-Stationen habe ich in Puncto Geschwindigkeit beim Anlegen der Schutzkleidung nicht die geringste Chance. Sie müssen sich bei jedem Besuch neu vermummen, zigmal jeden Tag. Die Begegnungen mit an COVID19 erkrankten Menschen fordern mich immer wieder neu heraus, manche können vor Atemnot kaum sprechen. Nicht genug Luft zum Atmen zu haben, versetzt in große Angst. Je nach Situation werden die Patienten mit Sauerstoff, der über einen dünnen Schlauch in die Nasenlöcher strömt, oder mittels einer festsitzenden Gesichtsmaske oder einer invasiven Beatmung versorgt.

Je nach Erkrankungsverlauf werden die Patienten auf speziellen Stationen oder der Intensivstation behandelt. Ich habe großen Respekt vor den Schwestern und Pflegern, Ärztinnen und Ärzten, die hochkonzentriert und professionell arbeiten. Nicht alle Patienten auf den besonderen Stationen sind an COVID19 erkrankt, manche werden als Verdachtsfall aufgenommen und können nach negativem PCR-Testergebnis zur Weiterbehandlung auf die entsprechende Station kommen.

Der Krankheitsverlauf bei den COVID-Patienten ist sehr unterschiedlich. Manche hochbetagte Patienten haben einen eher milden Verlauf, manche relativ junge Menschen erleiden nach einer Phase der Stabilisierung einen unerwarteten Einbruch und müssen intensivmedizinisch behandelt werden. Die schweren Krankheitsverläufe berühren mich extrem und zeigen mir eindrücklich die Gefährlichkeit einer Infektion mit dem Coronavirus.

In der Regel freuen sich die Patienten über meinen Besuch. Ich bringe etwas Zeit mit und sie können darüber sprechen, was sie bewegt, belastet, freut, ärgert oder ihnen Angst macht. Doch meine Gelassenheit ist begrenzt. Unsicherheit ist ein ständiger Begleiter: Sitzt deine Maske richtig? Wie lange kannst du im Zimmer bleiben? Konzentriere dich, wenn du die Schutzkleidung ablegst! Anscheinend kann ich meine eigenen Ängste gut kontrollieren, die meisten Patienten bedanken sich für mein Kommen. Dabei würden sie sich natürlich noch viel mehr über einen Besuch ihrer Angehörigen freuen. Das klinikweite Besuchsverbot betrifft die meisten Patienten und ihre Angehörigen. Es gibt nur wenige Ausnahmen: Eltern dürfen ihre Kinder besuchen, Väter bei der Geburt dabei sein. Verwirrte, schwerstkranke und sterbende Patienten dürfen besucht werden. Die anderen Patienten müssen das Besuchsverbot ertragen. Das fällt bei einem wenige Tage andauernden Klinikaufenthalt leichter, als bei einem mehrwöchigen Aufenthalt.

Ich kann Menschen verstehen, die sich ohne jegliche Begegnung mit Corona-Infizierten oder COVID Patienten schwer mit den gegenwärtigen Kontaktbeschränkungen tun und das Ganze in Frage stellen. Ich meinerseits bin froh, die Impfung erhalten zu haben. Denn ich möchte mir im Falle einer Infektion die Folgen eines schweren Krankheitsverlaufs ersparen und weder meine Angehörigen, die Beschäftigten im Klinikum noch die Menschen in meinem Freundes- und Kollegenkreis anstecken. Die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und sozialen Folgen der gegenwärtigen Pandemiebekämpfung sind beträchtlich.

Habe ich während meines Dienstes täglich Kontakte zu Patienten und Mitarbeitenden, reduzieren sie sich im privaten Bereich auf die Kernfamilie. Ich bin manchmal erschrocken, wie vorsichtig ich geworden bin und erkenne diese Vorsicht auch im Freundeskreis wieder. Misstrauen, der andere könnte den Virus haben und ansteckend sein, macht sich breit. Der Ausnahmezustand entwickelt eine neue Normalität, mit sehr reduzierten Kontakten und Lebensformen. Gerne würde ich mal wieder in die Sauna gehen oder eine Theatervorstellung genießen. Wann werden wir wieder in einem Gottesdienst fröhlich singen können?

Wenn mir manchmal Menschen gutmeinend zum Abschied sagen: „Bleiben Sie gesund!“, dann überkommt mich ein mulmiges Gefühl. Denn ich finde den Satz in einem Klinikum deplatziert. Die meisten Patienten vermissen gerade ihre Gesundheit. Doch das Leben ist auch mit eingeschränkter Gesundheit lebenswert und sinnvoll. „Passen Sie gut auf sich auf!“, lautet meine Devise. Denn das Leben ist ein sehr kostbares Geschenk. Gott hat uns genug Verstand und Einsichtsfähigkeit gegeben, achtsam mit uns und unseren Mitmenschen umzugehen. Also: Passen Sie gut auf sich auf!

Foto: Selbstporträt Martin Pietsch.

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