„Ihr seid nicht erwachsen genug, die Wahrheit zu sagen.“

24. Mai 2019 - Jugendliche versammeln sich zur Fridays for Future Demo am Koblenzer Hauptbahnhof

Von Pfarrer Timm Harder
Aus dem Gemeindebrief der Evangelischen Kirchengemeinde Vierthäler

Aus aktuellem Anlass haben wir beim Konfirmandenunterricht am 5. April 2019 kurzfristig das Programm geändert. Anknüpfend an den vorausgegangenen Konfi-Nachmittag zum Thema „Gott“ haben wir dem Thema „Bewahrung der Schöpfung“ eine eigene Unterrichtseinheit gewidmet.
Ausgangspunkt war dabei die von der 16jährigen Schwedin Greta Thunberg angestoßene Schüler-Protestbewegung "Fridays for Future“.

Einige Konfirmandinnen und Konfirmanden berichteten, dass sie selbst schon an einer der wöchentlich freitags in verschiedenen Städten stattfindenden Demos teilgenommen haben.

Mittlerweile dürfte klar sein, dass man die Teilnahme an den Demos während der Schulzeit nicht einfach als probates Mittel zum Schule Schwänzen abtun kann. Dies wurde spätestens deutlich, als die "Fridays for Future“ Aktionen während der Osterferien fortgesetzt wurden.

Dass ein solch energisches Eintreten für den Schutz unseres Lebensraums nicht unwidersprochen bleibt, liegt in der Natur der Sache. Seit ihrer Rede beim Weltklimagipfel im Dezember wird Greta Thunberg in den sozialen Netzwerken neben viel Zuspruch auch mit Polemik und Häme überzogen - sinnigerweise weniger von Altersgenossen als viel mehr von Erwachsenen, die es offenbar nicht ertragen, von einem jungen Mädchen den Spiegel vorgehalten zu bekommen.

In der Tat fand Greta im polnischen Katowice klare Worte, die sie Menschen meiner Generation ins Stammbuch geschrieben hat: „Es hat den Anschein, dass Geld und Wachstum unsere einzige Sinnerfüllung sind.“ „Ihr sprecht nur darüber, mit den immer gleichen schlechten Ideen weiterzumachen, die uns in diese Krise geführt haben. Und das, obwohl die einzige richtige Entscheidung wäre, die Notbremse zu ziehen.“ Und: „Ihr seid nicht erwachsen genug, die Wahrheit zu sagen.“
(Zitate aus der Rede, die Greta in Katowice gehalten hat. Die ganze Rede ist zu sehen unter https://www.youtube.com/watch?v=LZmfkAX61BM.)

Wir haben die Ansagen von Greta Thunberg beim Konfi-Nachmittag mit der Botschaft alttestamentlicher Propheten verglichen und verblüffende Parallelen entdeckt. So musste der Prophet Amos im 8. Jahrhundert vor Christus bereits feststellen: „Sie hassen den, der Recht spricht, und verabscheuen den, der die Wahrheit sagt.“ (Amos 5,10)

Amos wurde schließlich des Landes verwiesen, weil er nicht müde wurde, den Verantwortungsträgern seiner Zeit anzusagen, dass sie mit ihrem sturen „Immer so weiter“ in eine Katastrophe steuerten. Sein Kritikpunkt war, dass einige wenige ihren feudalen Lebensstandard sicherten auf Kosten von vielen anderen, die sich dagegen nicht wehren konnten - eine merkwürdig aktuelle Beobachtung.

Prophetie ist in der Bibel keine abergläubische Hellseherei, sondern eine schonungslose Analyse der Situation, ein Aufzeigen der sich abzeichnenden Konsequenzen aus den Fehlentscheidungen und Versäumnissen der Vergangenheit und der Gegenwart und die Aufforderung, um Gottes willen umzukehren. Insofern, folgerten unsere Konfis, ist Greta Thunberg in gewisser Weise eine Prophetin unserer Zeit.

Ich bin froh über das, was die junge Schwedin losgetreten hat. Gleichzeitig beschämt es mich, dass es so weit gekommen ist, dass die Generation unserer Kinder uns auf diese Weise an unsere Verantwortung erinnern muss. Denn eigentlich weiß ich schon seit 30 Jahren, dass ich meinen Enkeln später nicht sagen kann: „Davon haben wir nichts gewusst!“ Wir wissen es. Aber wir kriegen die Kurve nicht.

Eigentlich kommt uns als Christen eine besondere Verantwortung zu. Wie kann es sein, dass wir im Glaubensbekenntnis Gott als „den Schöpfer des Himmels und der Erden“ bekennen und gleichzeitig dem Werk dieses Schöpfers, seiner Schönheit und seiner Vielfalt, seiner Verletzlichkeit und seinem unermesslichem Wert so wenig Respekt zollen und auf dem besten Wege sind, es mit unserer Art zu leben und zu wirtschaften zu zerstören?

In den letzten Jahren wird zunehmend Kritik laut, die Kirche sei zu politisch. Aber wenn Gott Mensch wird, ist das zutiefst politisch. Wenn wir Ihm so viel wert sind, dass Er zu uns kommt, und wenn Er alles gibt, damit wir Seine Kinder sein können, dann kann es uns nicht egal sein, wie wir mit der Zukunft unserer Kinder umgehen. Glaube ist keine Privatsache, sondern verbindet uns mit Menschen rund um den Globus und über die Grenzen der Generationen hinweg.

Dass wir als Christen eine Hoffnung haben, die über diese Welt hinausreicht, befreit uns nicht von dieser Verantwortung, sondern nimmt uns gerade hier und jetzt in die Pflicht. Jesus begann sein Wirken mit den Worten: „Das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen. Darum kehrt um und glaubt an das Evangelium.“ (Markus 1,14-15) Er hat nicht gesagt: „Macht ruhig immer so weiter…“

Ich wünsche der "Fridays for Future“ Bewegung Gottes Segen und einen langen Atem - bis wir das mit der Umkehr verstanden haben.

https://fridaysforfuture.de/

Redaktion und Foto: Katrin Püschel.

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