Angst vor dem sozialen Abstieg – In den Schwangerenberatungsstellen der Diakonie wird Armut zunehmend zum Thema

Im Bild: Die vier Beraterinnen Heidrun Lechthaler-Trierweiler, Christine Pätzold, Gudrun Zimmermann und Regine Wilke (v.l.) haben ein gutes Netzwerk in Rheinland-Pfalz aufgebaut.

Koblenz, Neuwied, Trier, Idar-Oberstein. Kann ich mir ein Kind überhaupt leisten? Diese Frage wird in den Schwangerenberatungsstellen der Diakonie in Rheinland-Pfalz oft gestellt. Viele Frauen wissen, was Armut bedeutet oder haben Angst, durch ein Kind in Armut zu geraten. Die Beraterinnen unterstützen sie, so gut sie können. Doch das deutsche Hilfesystem ist kompliziert, was die Beratungen immer komplexer macht.

„Zwar hat sich die rechtliche Situation für werdende Mütter verbessert“, sagt Regine Wilke, die seit 13 Jahren in der Schwangerenberatungsstelle des Diakonischen Werkes im Evangelischen Kirchenkreis Wied arbeitet. „Doch es wird immer schwieriger zu durchschauen, wo es welche Hilfen gibt und wie sie beantragt werden.“

Rund 200 Milliarden Euro gibt der deutsche Staat jährlich für familienpolitische Leistungen aus. Doch bei denen, die wenig haben, kommt davon kaum etwas an, kritisiert Wilkes Kollegin Heidrun Lechthaler vom Diakonischen Werk des Kirchenkreises Obere Nahe. Das Kindergeld wird vollständig auf den Hartz IV-Satz angerechnet. Beim Elterngeld erhalten nur Eltern, die vor der Geburt gearbeitet haben, einen Freibetrag. Flexible Arbeitszeiten erfordern eine flexible Kinderbetreuung. „Die Angst, durch ein Kind sozial abzurutschen, hat deutlich zugenommen“, beobachtet Heidrun Lechthaler.

In Rheinland-Pfalz gibt es an 92 Standorten Schwangerschaftsberatungsstellen, 39 davon trägt die Diakonie. Allein in der Beratungsstelle des Diakonischen Werkes des Evangelischen Kirchenkreises Koblenz sind die Beratungsfälle seit 2015 um 17 Prozent auf 320 Fälle im Jahr 2017 gestiegen. In den anderen Beratungsstellen sieht es ähnlich aus. Die schwierige finanzielle Situation der Mütter sei in 70 Prozent der Fälle Thema der Beratung, erklärt Beraterin Christine Pätzold. „Ohne das Einkommen der Frau kommen viele Familien heute nicht mehr klar. Ihre Berufstätigkeit ist entscheidend dafür, ob Kinder in Armut aufwachsen oder nicht.“

Wer sich also trotz einer schwierigen finanziellen Situation für ein Kind entscheidet, braucht viel Unterstützung und ein gutes Netzwerk. Die Mitarbeiterinnen der Schwangeren- und Schwangerenkonfliktberatungsstellen der Diakonie helfen den Frauen deshalb nicht nur dabei, eine Entscheidung zu treffen und den Behördendschungel zu durchschauen, sondern organisieren auch praktische Hilfe.

Regine Wilke und Heidrun Lechthaler-Trierweiler arbeiten mit ehrenamtlichen Familienpaten zusammen. An Christine Pätzolds Beratungsstelle ist ein Kinderkaufhaus angeschlossen, das gebrauchte Kleidung, Babyzubehör und Spielzeug zu fairen Preisen anbietet. Und Gudrun Zimmermann vom Diakonischen Werk der Evangelischen Kirchenkreise Trier und Simmern-Trarbach vermittelt im Rahmen des Bundesprojekts „wellcome“ ehrenamtliche Mitarbeiterinnen, die Frauen nach der Geburt ein- bis zweimal pro Woche unterstützen.

In ihrer Beratung begegnen die Sozialarbeiterinnen vielen Frauen, die ungewollt schwanger geworden sind. Für sie ist auch das Ausdruck von Armut. Schon seit Jahren setzt sich die Diakonie für kostenlose Verhütungsmittel ein. Bislang ohne Erfolg. Frauen, die Hartz IV beziehen, erhalten die Anti-Baby-Pille seit 2005 nicht mehr kostenlos auf Rezept. Wer sie nicht verträgt und andere Verhütungsmittel wie eine Spirale braucht, muss erst recht tief in die Tasche greifen.

„Verhütung darf nicht am Geld scheitern“, betont Gudrun Zimmermann. Um Kinder- und Familienarmut zu beseitigen, müsste an vielen Stellschrauben gedreht werden, meinen die Beraterinnen. „Wir brauchen eine große Reform der Leistungen zur Familienförderung, die die vielen Einzelleistungen zusammenführt und auch bei armen Familien ankommt“, fordert Regine Wilke. „Denn dass sich Frauen aus Angst vor Armut gegen ein Kind entscheiden, sollte es in einem reichen Land wie Deutschland nicht geben.“

Die Diakonie RWL ist der größte diakonische Landesverband und einer der größten Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege. Es erstreckt sich über Nordrhein-Westfalen, Teile von Rheinland-Pfalz, dem Saarland und Hessen. Die Diakonie RWL repräsentiert 4.900 evangelische Sozialeinrichtungen, in denen 330.000 Mitarbeitende hauptamtlich oder ehrenamtlich tätig sind.

Beratungsstellen der Diakonie im Evangelischen Kirchenkreis Koblenz

Schwangeren- und Schwangerenkonfliktberatung, Bodelschwinghstr. 36 f, 56070 Koblenz, Telefon 0261-98857010

Schwangeren- und Schwangerenkonfliktberatung, Friedlandstr. 1a, 56626 Andernach, Telefon 02632-987285

Im Bild: Die vier Beraterinnen Heidrun Lechthaler-Trierweiler, Christine Pätzold, Gudrun Zimmermann und Regine Wilke (v.l.) haben ein gutes Netzwerk in Rheinland-Pfalz aufgebaut.

Text und Foto: Sabine Damaschke, Diakonie RWL.

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