Richt(ungs)kompetenz

Pfarrerin Stefanie Martin

Von Pfarrerin Carmen Tomaszewski,
Evangelische Seelsorge an der JVA Koblenz

Es macht komische Gefühle: ein Urteil, ein Beschluss, eine Festsetzung, die über das eigene Leben entscheiden. Und man selbst mitten drin in einem juristischen Spiel mit fremden Regeln... Ein Gefühl wie Opfer sein, selbst wenn man Täter ist. Komplexe Zusammenhänge werden vor Gericht zu griffigen Geschichten der möglichen Hergänge. Interessiert Wahrheit?Gibt es DIE WAHRHEIT überhaupt? Das System interessiert sich für Rechtsbruch und seine unabdingbare Konsequenz, eine Sanktion, die den Rechtsfrieden wiederherstellen soll. Die Regeln sind der Rahmen. Doch alle, die darin agieren,sind Menschen. Mit Motivation, mit Tagesform, Feindbildern und je eigenem Selbstverständnis. Ein Richter soll frei sein und bleiben in seinen Entscheidungen. Ein hohes Rechtsgut. Und irgendwie auch eine unmögliche Möglichkeit,weil Menschen immer im Kontext existieren.
Jede Gerichtsbarkeit ist ein notwendiges Instrument für das Zusammenleben in der Gesellschaft. Jesus hat gesagt: richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet. Auch eine unmögliche Möglichkeit. Vielleicht ist darum wichtig, wozu Gerichte ihre Richtkompetenz nutzen: werden Opfer wieder auf-gerichtet? Werden Täter in ihrem Leben neu aus-gerichtet? Man kann fragen: welche Richtung wird gewiesen durch ein Urteil, wie auch immer es ausfällt? Anfechtbar fühlt sich fast alles an, aus der einen oder anderen Perspektive. Zu streng findet einer, zu mild der andere. Jedenfalls machen Urteile sichtbar, was wieviel gilt in einer Gesellschaft. Und es bleibt immer unvollkommen und ein schwerer Job. Ich beneide Richter nicht. Und frage mich vorsichtig nach meiner eigenen Richtkompetenz. Verurteilen geht manchmal schneller als ich gucken kann. Vielleicht ist es klüger, dort hinzuschauen, wie das bei meinen Urteilen ist. Woher nehme ich mir das Recht, woher die Kompetenz, über andere zu urteilen? Wie ist das bei Ihnen?